Am Wegrand

 

Wie viele Wesen auf dieser Erde vergeuden ihre Lebenszeit damit, ihr Schicksal zu beklagen. Weil sie meinen, an den falschen Ort, in den falschen Körper oder auf einen falschen Weg gezwungen zu sein.

 

Mich hingegen hat dasselbe Schicksal an den schönsten Ort der Welt gesetzt. Wo ich vollkommen zufrieden bin. Wo ich dankbar bleiben möchte. Wo ich eines Tages verwelken werde, und es wird in Ordnung sein. Es ist kein ganz ungefährlicher Platz, wo der Samen, aus dem ich geboren bin, einst gelandet ist. Gleich unter der Kante eines alten, grasverwachsenen Weges. Über mir ein lichter Lärchenwald, in dem gegen Abend die Rehe stehen, unter mir die kleine, steile Almwiese, die im vergangenen Winter 2m tief unter Schnee lag. Die jetzt, in den langsam wachsenden Maitagen, aufsteht in sattem Grün, all meine blühenden Kameraden nährt und Futter wird für Wild und Vieh.

 

Ganz knapp unter einem kleinen Erdwall stehe ich, der beim nächsten Regen abrutschen und mich unter sich begraben könnte. Der mich aber auch schützt vor dem scharfen Wind, der abends zu Tal fährt. Gefahr droht mir auch, wenn die Rehe kommen, oder das Rotwild, die Kühe zur Almzeit, oder ein Mensch. Es ist wohl selten, dass einer kommt. Oder zwei. Meist steigen sie drüben, über dem Graben, zur Hütte auf. Nur heute, heute ist einer zu mir heraufgekommen, bis auf den alten Weg hinauf. Eine vielmehr. Es war eine Menschin. Als sie ihren Rucksack ablegte und Anstalten machte, sich auf die Kante zu setzen, stieg kurz die Panik aus meinen Wurzeln hoch bis in die Blüte. Aber es bestand kein Anlass zur Furcht. Die Menschin gab acht. Ich hatte sogar das Gefühl, sie lächelte mich an. Dann saß sie. Lange. Wie einen zarten Windhauch fühlte ich ihren Atem. Er wurde immer ruhiger. Und sanfter. Ich hatte den Eindruck, dass ihr Körper sich immer mehr setzte, wie wenn er ins Erdreich sinken, wie wenn er Wurzeln ausstrecken würde. Durstig und geborgen zugleich. Da überkam auch mich eine tiefe Ruhe. Und als die Sonne ihre letzten Tagesstrahlen kraftvoll über die Berge schickte, breiteten wir beide unsere Blätter aus, sie und ich. Und über unsere Blütenkelche tranken wir nichts als Wärme.

 

 

 

(B.N., Mai 2018)